EIN HÄNDCHEN FÜR PFERDE

 

Die Amerikanerin Linda Tellington-Jones ist die wohl bekannteste Tiertherapeutin der Welt. Mit einer speziellen Hautmassage kuriert sie erfolgreich Verhaltensstörungen und Stress.

Den kopf tief gesengt, die Augen halb geschlossen - das Pferd steht wie in Trance. Mit kreisenden Handbewegungen streicht und klatscht ihm Linda Tellington-Jones über Hals und Rücken. Sie flüstert ihm beruhigend zu, wenn sie eine schmerzhafte Verspannung ertastet hat.

Nicole Uphoff, Weltmeisterin im Dressurreiten und Olympiasiegerin, staunt. Denn "Day Dream" ein normalerweise schwieriges Pferd, lässt sich sonst gar nicht gern anfassen. Doch jetzt schreckt er jetzt kaum noch zurück und wird nicht mehr bockig, wie sie beim anschließenden Probereiten erfreut feststellt. Auch seine Abneigung gegen das Abbürsten ist wie weggeblasen.

Alles wegen ein paar Streicheleinheiten?

Ganz so einfach ist es nicht. Die amerikanische Tiertherapeutin und weltweit anerkannte Tiertrainerin hat schließlich Jahre benötigt, um ihre speziellen Handgriffe zu entwickeln.

Inspiriert wurde sie dabei durch die Thesen von Moshe Feldenkreis. Körper, Geist, Bewegung und Bewusstsein seien miteinander verbunden, hatte der 1984 gestorbene Physiker und Physiologe herausgefunden und gefolgert, durch sanfte Bewegungstherapie könne man einen neuen Zugang zum Hirn erreichen. Was beim kranken Menschen funktioniert, klappt vielleicht auch beim kranken Tier, sagte sich Linda Tellington-Jones und entwickelte Übungen, die sich vor allem für verhaltensauffällige, aggressive oder ängstliche und gestresste Tiere eignen.

Unter ihren Händen und Fingern entspannen sich die Tiere, werden ruhiger und konzentrierter in der Wahrnehmung. Ihre Kooperationsbereitschaft steigt, der Anteil der Stresshormone im Blut sinkt. Neue Nervenzellen werden geweckt, brachliegende Nervenbahnen aktiviert, die Blutzirkulation wird angeregt.

Neben den Pferden zählen Hunde und Katzen zu den häufigsten Patienten. Doch auch die Zoos von San Diego, Frankfurt oder Moskau habe Linde Tellington-Jones bereits zu Hilfe gerufen, wenn sie Probleme mit einem ihrer wertvollen Gefangenen hatten. Selbst Kaiko, dem Schwertwal aus dem Kinofilm "Free Willy", half dieses Heilverfahren.

Inzwischen hat Linda Tellington-Jones über 400 Lehrer in zwölf Ländern in ihrer Heilmethode ausgebildet. Sie hat zahlreiche Bücher und Videos veröffentlicht und bietet eine Homepage für Interessierte (www.lindatellignton-jones.com). In Workshops und Wochenendseminaren trainieren Tierliebhaber das "Telefonieren" - und zugleich den richtigen Umgang mit ihrem Liebling. Denn für Stress und Verhaltensstörungen bei Tieren ist fast immer der Mensch verantwortlich.

Aufgewachsen ist die 64-jährige Amerikanerin Linda Tellington-Jones in einer Farm in Alberta, Kanada, mit fünf Geschwistern. Ob als vielfach ausgezeichnete Dressur- oder Springreiterin, als Westernreiterin oder erfolgreiche Pferdezüchterin - Linda Tellington-Jones ist in allen Sätteln zu Hause. Manchmal höre sie ganz deutlich die Worte, die ein Tier spricht, meint sie. Sie schreibt diese Botschaften und Wörter in ihr Tagebuch. Für viele esoterische Spinnerei. Aber Linda Tellington-Jones ist längst immun gegen die Skepsis: Sie hat schon genug Pferde und andere Tiere glücklich gemacht und mit ihnen ihre Eigentümer.